Ein paar Gedanken zum Ehrenamt
Heute morgen fand ich in meiner Twitter-Timeline den Link zu einem Interview, daß Nicole Rensmann mit der freischaffenden Lektorin Daniela Dreuth geführt hat. Darin nahm das Thema “Ehrenamtliche Tätigkeiten” einen breiten Raum ein.
Mich berührt dieses Thema immer mal wieder, wenn Leute um meine Mitarbeit oder Unterstützung bei irgendwelchen sozialen Projekten oder Arbeiten und Aktionen “für die Allgemeinheit” bitten. Meistens (eigentlich immer) lehne ich solche Anfragen ab. Das stößt dann immer auf Unverständnis, weil man doch eine gute Sache unterstützen muß. Ich frage dann meistens: “Gut für wen?”
Ihr merkt schon, daß das Thema für mich so einige Reibungsfläche bietet. Ich kenne eine ganze Menge Leute, die sich ehrenamtlich in den verschiedensten Projekten und Organisationen betätigen, ob es nun der Sportverein oder die Kirche ist. Viele davon leisten eine ganze Menge, investieren viel Zeit, Energie und nicht zuletzt oft eine Menge Geld in diese Tätigkeiten, aber sie tun es letztlich für sich selbst. Keiner dieser Leute, das ist meine feste Überzeugung, würde sich in der Form engagieren, wenn es ihm keine Freude bereiten würde. Insofern unterscheidet sich ihre Tätigkeit nicht von meinem Bogenschießen oder beliebigen anderen Hobbies. Sie dient dem eigenen “Lustgewinn”.
Eine weitere Sache, die mich häufig stört, kommt auch in dem Interview zur Sprache. Wenn die Ehrenamtler, die eine Sache aufgezogen haben, aus irgendwelchen Gründen aufhören, stirbt auch das Projekt – egal wie toll oder wichtig es vorher angeblich war.
Bei Daniela Dreuth ist es die Krabbelgruppe, die eingeht als sie und ihre Freundin nicht mehr zur Verfügung stehen. Bei meiner Schwägerin war es der “Wandertag” mit den Eltern, der ja so wichtig für den Zusammenhalt und die Integration neuer Schüler in die Klasse war.
Als sie aufhörte ihn zu organisieren fand sich, oh Wunder, niemand der diese wichtige Veranstaltung am Leben erhalten wollte. Damit nicht genug, wurde sie auch angefeindet, weil sie “keine Verantwortung übernehmen wolle” oder “die Gemeinschaft hängen läßt”.
Niemand kam auf die Idee, selber was zu unternehmen. Das wäre ja auch mit Arbeit verbunden gewesen.
Ähnlich ging es meiner Schwester. Sie wurde, 2 Jahre nachdem ihr jüngstes Kind die Grundschule verlassen hatte, aus heiterem Himmel aufgefordert, sich doch an ehrenamtlichen Renovierungsarbeiten in dieser Schule zu beteiligen.
Ihre Ablehnung, verbunden mit dem Hinweis, daß es doch sicher 150 Elternpaare gebe, deren Kinder aktuell dort zur Schule gingen und man die doch zur Mitarbeit in der Schule ihrer Kinder heranziehen sollte, wurde mit dem wütenden Vorwurf mangelnden sozialen Engagements und asozialen Verhaltens beantwortet.
Diese Beispiele aus meinem persönlichen Umfeld zeigen ein, wie ich finde, grundsätzliches Problem des Ehrenamtes und des Ehrenamtlers in unserer Gesellschaft.
Er gerät immer stärker in die Position des “nützlichen Idioten”.
Diese, immer stärker um sich greifende, Form von institutionaliertem Erzeugen von Schuldgefühlen, widert mich an. Sie verleidet mir weitestgehend das Engagement für irgendwelche “Hilfsprojekte”. Unser Staat zieht sich immer stärker aus, wie ich finde grundsätzlichen, “Geschäftsfeldern” zurück und fordert dann dreist bürgerschaftliches Engagement. Wo bleibt denn die ganze Kohle, die jeder von uns abdrückt? Warum ist kein Geld für Bildung, Betreuung und Kultur da? Weil irgendwelche Prestigeprojekte gefördert werden müssen, die “dem internationalen Ansehen Deutschlands in der Staatengemeinschaft Auftrieb geben”. Bloß haben wir nichts davon!
Ich habe das sehr schön in der eigenen Familie illustriert bekommen. Mein Schwiegervater rückte eines Tages damit heraus, daß sein Fußballverein, in dem er seit 30 und ein paar gequetschten Jahren sich in der Jugendarbeit engagiert, ihn für irgendein Bundesirgendwaskreuz vorgeschlagen hatte und das demnächst die Verleihung sein sollte zu der wir ihn doch bitteschön begleiten sollten.
Meine Frau und ich haben das abgelehnt, mit der Begründung, daß eine solche Auszeichnung bloß ein Feigenblatt ist, um zu kaschieren, daß die Ehrenamtler ausgenutzt werden und sich “Vater Staat” immer weiter aus der Vereinsförderung zurückzieht.
Schwiegervater war zutiefst beleidigt, bis er 3 Wochen später erfuhr, daß die Jugendförderung im kommenden Jahr mindestens 30% niedriger ausfallen würde.
Er hat die Auszeichnung soweit ich weiß bis jetzt nie getragen….
In diesem Klima blüht natürlich auch der, vorsichtig ausgedrückt, Mißbrauch.
Ich bekomme fast täglich Emails, in denen ich gefragt werde, ob ich nicht irgendein Kinder- oder Jugendhilfeprojekt oder einen anderen Weltrettungsverein unterstützen will. Damit meine ich jetzt nicht den üblichen Bettelspam, sondern konkrete Anfragen noach Materialspenden für Bogensportevents oder Bitten um kostenlose Kurse im Bogenschießen oder Bogenbauen. Wenn ich dann mal nachgeforscht habe, stellt sich bei den meisten der “beworbenen” Veranstaltungen heraus, daß ganz normale kommerzielle Events sind. Allerdings werden angeblich die gesamten “nicht zur Deckung der Kosten notwendigen” Einnahmen der XY-Organisation gespendet.
Ja, Ja….
Die Liste der Lamentos läßt sich nahtlos in Richtung Bildungs- repektive Schulpolitik fortsetzen. Auch da wird einerseits viel Geld investiert – in Gebäude, denn die kann man schließlich vorzeigen. Der tägliche Betrieb lastet aber auch immer mehr auf ehrenamtlichen Schultern. Sei es in der Betreuung, wenn zwar Räume für eine Offene Ganztagsschule geschaffen werden, aber dann kein Geld für das entsprechende Personal mehr da ist. Was nützt das Mittagessen in der Schule, wenn sich 25% der Familien es nicht leisten können?
Aber es gibt ja die Tafeln. Problem gelöst!
Trotz all dieser negativen Erfahrungen und Beispiele habe ich mich nicht ganz aus der Unterstützung “sozialer” Projekte zurückgezogen. Aber ich helfe nur noch Leuten, die ich kenne.
Ich spende nicht für Behinderte in Rumänien, sondern schenke einem Kumpel ein paar Bögen und Pfeile, damit er den Behinderten auf der seiner nächsten Freizeitfahrt mal was Neues bieten kann.
In diesem Sinne
Bis demnächst!