Yvonne Mich hat auf ihrem Blog einen Text veröffentlicht, in dem sie ihre Erinnerungen an ihre Oma dem Heute gegenüberstellt. Es ist ein Text, der für mich eine tiefe Zufriedenheit darüber zum Ausdruck bringt, daß trotz aller Veränderung durch das Alter und das Fortschreiten der Zeit, manche Dinge bleiben.
Wie die Schokolade, bei Oma im Schrank….

Mich hat er angeregt, meine Erinnerungen an meine Großmutter zu Papier zu bringen.

Das schlimmste ist der Geruch,
Der allgegenwärtige Geruch nach Desinfektionsmitteln, Raumspray und miesem Kaffee,
der  Geruch von Desinteresse, Hektik und Tod.

Als meine Mutter die Zimmertüre öffnet, verstecke ich mich hinter ihr und komme mir dabei dumm vor.

Staub tanzt im streifigen Licht, daß durch die Jalousien auf einen reglosen Körper fällt.

Schläuche und Kabel führen von Maschinen zu dem Fleisch und von ihm weg zu Beuteln und Flaschen.

Ich bilde mir ein, daß es nach Kot und Urin riecht, als mein Blick auf die entsprechenden Behälter fällt.

Meine Mutter weint, als sie den Körper ihrer Mutter berührt.

“Mama? Mama, ich bin’s…”

Nur das Fleisch der Wangen wabbelt puddingartig herum.
Es ist still im Raum, bis auf das Schluchzen meiner Mutter und das leise Klicken der Apparate.

Eine Schwester kommt herein, wendet den Leib wie eine Schweinehälfte, macht irgendwas an den Schläuchen und zupft an der Decke herum.

Wir nutzen die Gelegenheit, um zu gehen. Ich komme niemehr zurück.

Ihr Grab habe ich nie gesehen.

Das Urteil des BGH zur aktiven Sterbehilfe, oder wie es im Juristendeutsch heißt: “Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen auf der Grundlage des Patientenwillens” hat für einigen Wirbel in meiner Bekanntschaft gesorgt.

Mein eigener Zugang zu dem Thema ist wie meistens ziemlich einfach und gradlinig. Die Kurzfassung bildet die Überschrift dieses Textes.

Ein Schlüsselerlebnis für mich war das langsame Sterben meiner Großmutter. Wobei Sterben ein höchst euphemistischer Ausdruck für ein, in meinen Augen menschenunwürdiges, Verrotten bei lebendigem Leibe ist.

Zum Schluß lag sie als lebende Leiche, blind, taub, geistig verwirrt und unfähig zu jeder selbstständigen Handlung in einem Aachener Pflegeheim. Der Körper wurde künstlich ernährt und alle 2 Stunden kam jemand und drehte den Kadaver auf die andere Seite, um einen Dekubitus zu vermeiden. In dieser Situation bedrängte dann ein Mediziner meine Mutter, ihre Einwilligung zu einer Herzoperation zu geben, damit dem lebenden Leichnam meiner Oma ein Schrittmacher eingesetzt werden könnte. Damit könne sie noch gut 10 -15 Jahre “weiterleben”.

Dieser Dr. Frankenstein war hell empört, als meine Mutter die Einwilligung verweigerte und unterstellte ihr, sie wolle ihre Mutter nur schnellsten loswerden. Leider war Pflegepersonal anwesend, das mich gehindert hat, den Arsch mit seinem eigenen Stethoskop zu erwürgen.

Der Vorfall hat meine Einstellung zum eigenen Sterben entscheidend geprägt. Ich will keinesfalls so entwürdigt und entmündigt verrecken. Für mich besteht einer, wenn nicht DER fundamentale Unterschied zwischen Mensch und Tier darin, daß der Mensch die Fähigkeit hat jederzeit zu entscheiden sein Leben zu beenden. Dabei steht es niemand anderem zu, diese Entscheidung als Zeichen eingeschränkter Geisteskraft zu brandmarken und denjenigen zu entmündigen, indem er ihn einsperrt und /oder zwangsweise medikamentiert und am Leben erhält.

Ich empfinde es als grenzenlose Arroganz des Mobs, daß in unserer ach so kultivierten Welt, jeder, der das Pech hat einen Suicid zu überleben, erst mal als psychisch krank beurteilt wird. Es erschreckt mich zutiefst, wenn ich in Gesprächen mit alten Leuten bemerke, wie tief diese Einstellung verwurzelt ist.
Da redet man über die Probleme des Älterwerdens, darüber, wie wenig man als Tattergreis noch vom Leben hat, wie teuer es ist, daß sie alleine sind und so weiter. Dann sage ich irgendwann: “So alt will ich garnicht werden.” und prompt wird der Untergang des Abendlandes eingeläutet.
So darf ich nicht denken, Ziel des Lebens muss sein möglichst alt zu werden und überhaupt muss ich mehr für meine Gesundheit tun, damit ich meinem Sohn und eventuellen Enkeln möglichst lange erhalten bleibe. Merkwürdig bloß, daß bei all diesen Argumenten, die mir da dann um die Ohren geschlagen werden, nie von MIR die Rede ist. Es ist zwar mein Leben und Sterben, über das geredet wird, aber es geht immer nur um die Folgen für ANDERE Leute.
Immer wird betont, daß ich mir doch Gedanken darum machen muss, was ich meiner Umgebung mit einem Freitod antäte.

Eher wütend als betroffen macht mich die Darstellung der Thematik Freitod / Ablehnung von lebensverlängernden Maßnahmen/ Patientenverfügung in den meisten Medien. Es wird so getan, als wären nur Psychopathen oder egozentrische, potentielle, Mörder unterwegs. Es wird darüber spekuliert, ob man überhaupt sicher sein kann, daß eine Patientenverfügung tatsächlich von der verreckenden Oma stammt. Viel wahrscheinlicher scheint ja zu sein, daß der Sohn oder Enkel die Alte einfach billig quit werden will. Leute die im Angesicht einer unausweichlichen Diagnose – Ja, ich weiß, es könnte ja morgen ein medizinisches Wunder geschehen – eine Verfügung aufsetzen werden von willfährigen Frankensteinmedizinern zu unzurechnungsfähigen Irren gestempelt, weil ja (implizit) nur sie befähigt sind, kraft ihres Arztseins, im Angesicht des Todes rationale Entscheidungen zu treffen. Und der deutsche Michel nickt dazu mit seiner Schlafmütze…..

Damit wir uns richtig verstehen, mir ist bewußt, daß es sich um ein komplexes Thema handelt.
Aber letztendlich führt für mich kein Weg daran vorbei, daß MEINE Entscheidung gefälligst zu akzeptieren ist.
Ohne ganz konkreten Verdacht, da? etwas nicht mit rechten Dingen zugehen könnte, hat kein Arzt, Pfaffe, Politiker, Anwalt oder wer auch immer meine Entscheidung, mein Leben zu beenden, anzufechten.

Michael

P.S. Bei der Geschichte mit meiner Oma ging es dem Arzt, meiner festen Überzeugung nach, nur darum, dem Pflegeheim eine einfache Einnahmequelle zu erhalten. Geld ist in dieser Diskussion etwas, daß mir bisher nur als “Mordmotiv” begegnet ist…….

Es war ein, wie üblich völlig sinnfreier, Streit mit meinem Schwiegervater, der mich dazu gebracht hat, mal wieder darüber nachzudenken, warum ich Bogen schieße. In der Debatte, hatte mein Schwiegervater mir vorgeworfen, daß mich die Nachbarn komisch angucken würden, wenn ich im Garten trainiere und schlußendlich hatte er sich zu der Aussage verstiegen, daß ich mir gefälligst einen “anständigen” Sport – bei ihm heißt das Fußball – als Hobby zulegen müße, damit niemand mit dem Finger auf die Familie zeigt….

Aber warum schieße ich eigentlich Bogen? Und warum traditionell? Was ist es, was mir so daran gefällt?

Damion und sein Spielzeug

Ich gehe ja nicht in der Halle oder auf dem FITA-Platz auf Kringelscheiben schießen, sondern in Wald und Feld (Parcour) auf die Jagd nach Tierattrappen. Dabei spielt sicherlich die Freude an der Jagdsimulation und an der Benutzung einer Waffe eine große Rolle. Das ist sozusagen mein großer Traum vom Bogenschießen, den ich immer irgendwo im Hinterkopf habe, wenn ich Bogen und Pfeile von der Wand nehme – Irgendwanneinmal an einem dunstigen Morgen aus dem Zelt zu kriechen, meinen selbstgebauten Bogen, die selbstgemachten Pfeile und die andere Ausrüstung, die ich auch mit eigenen Händen gefertigt habe packen, auf die Jagd gehen und dann abends die Beute über dem Lagerfeuer zubereiten.

Beute

Dabei ist es egal, ob es dann um ein Karnickel oder um einen kapitalen Hirschbock handelt. Mir geht es in meinem Traum darum, mich allein ohne zivilisatorische Hilfsmittel versorgen zu können. Ich möchte meine Beute auch gerne komplett verwerten, mit Haut und Knochen. All das geht mir durch den Kopf, wenn ich im Parcour auf das Gummireh anlege und der Pfeil tatsächlich mit diesem höchst befriedigenden “Tschock” da einschlägt, wo ich das will.

Außerdem ist es mir wichtig, daß mein Erfolg nur von mir und meinem Können abhängt. Es gibt keine Mitspieler und keine Mannschaft denen ich mein Versagen anlasten könnte und ich brauche meinen Erfolg mit niemandem zu teilen.

Das heißt natürlich nicht, daß nicht jeder halbwegs erfahrene Bogenschütze einen ganzen Sack voller Ausreden für eventuelles Versagen mit rumschleppen würde. Die reichen von Temperatur, Licht- und Windverhältnissen über Erdstrahlen, Wasseradern und den Stand der Planeten bis zu botanisch-geografischen Seltsamkeiten. Der gemeine Parcourspringbaum in seinen landschaftstypischen Ausprägungen ist auf jedem Bogensportgelände anzutreffen. Dort nervt er den ambitionierten Schützen, indem er sich spontan in die vorher freie Schußbahn bewegt. Selektive Gravitation ist eine weitere Merkwürdigkeit des Bogensports. Der Schütze wird dazu verführt, zu glauben, er hätte die Entfernung falsch eingeschätzt. Dabei hat sich lediglich die Schwerkraft entlang der Flugbahn seines Pfeiles willkürlich verändert. Dies führt dazu, daß der Pfeil entweder viel zu kurz liegt oder weit über das Ziel hinaus geht.

Aber all das ist halt nichts weiter als mehr oder weniger lustiges Geschwätz. Jeder weiß, daß er (wenn wir mal von Sabotage in irgendeiner Form absehen) niemand anderem die Schuld geben kann, wenn sein Pfeil nicht in’s Ziel trifft. Selbst Argumente, wie: “Der schießt ja mit Visier.” oder andere, die sich auf das Material beziehen sind nur Ausreden. Denn beim Bogenschießen steht es jedem Schützen frei, sich sein Material zu wählen. Es gibt keinen “Aufstieg” und keine Beschränkungen. Wer glaubt, daß eine bestimmte Bogenform einen Vorteil bringt, ist völlig frei, den entsprechenden Bogentyp selber zu schießen.

Jäger und Beute

Warum schieße ich also Bogen?

Weil ich ein romantischer, blutrünstiger, egoistischer Triebtäter bin!!

Michael

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