Meine ideale Digitale

Ich habe lange überlegt, ob ich an der Blogparade von Steady News „#DieIdealeDigitale – Wie ich mir eine perfekte Online-Zeitung vorstelle“ teilnehmen soll oder nicht.
Ich bin kein Journalist, kein Medienmensch und auch kein Marketeer. Ich bin „bloß“ Konsument.
Damit bin ich aber auch derjenige, für den die vorher Genannten angeblich ihr Produkt anfertigen. Ich soll das lesen und für das bezahlen, was sie produzieren.
Letztlich war es dieser Gedanke, der mich dazu gebracht hat, doch etwas zu dem Thema zu schreiben.
Was erwarte ich also von meiner „Digitalen“?

Ganz einfach – Ich will Journalismus! Ich will lokale Themen! Ich will einen unredigierten Bereich für jedermann! Ich will keine Werbung! Ich will kein vorgefertigtes Gesamtpaket! Ich will nur für das bezahlen, was ich auch lese!
Was sollen diese Forderungen im Einzelnen bedeuten?

Digitale01Ich will Journalismus!
Gerade in der „Große Politik“ und im Feuilleton hatte ich in den letzten Jahren zunehmend den Eindruck, daß die lokalen Tageszeitungen praktisch keine eigene Leistung mehr erbringen, sondern nur noch Agenturmeldungen automatisiert ins CMS einspeisen.
So finden sich dann deutschlandweit die gleichen Artikel mit den gleichen sachlichen oder orthografischen Fehlern.
Tut mir leid, aber für kopierte Agenturmeldungen muss ich nicht extra bezahlen. Die finde ich aktueller und – böses Wort – umsonst im Internet.
Analog gilt das auch für Fachzeitschriften. Ich brauche keine abgetippten Presemeldungen oder hohlen Lobhudeleien auf bestimmte Produkte oder Events.
Die bekomme ich sowieso nachgeschmissen. Dafür muss ich nicht bezahlen.

Ich will lokale Themen!
Diese Forderung hängt mit der vorigen zusammen. Ich glaube nicht, daß regionale Tageszeitungen heute noch eine Chance haben bei den großen, welt- oder deutschlandpolitischen Themen mit dem Internet erfolgreich zu konkurrieren.
Die großen Nachrichtenredaktionen haben die Mittel um da immer aktuell vor Ort zu sein. Den kleinen Zeitungen bleibt da nur das Wiederkäuen dessen, was schon längst im Netz auf den verschiedensten Kanälen publiziert wurde.
Daher sollten sie sich meiner Meinung nach auf ihren direkten Einzugsbereich konzentrieren.
Hier könnten sie sowohl mit Aktualität als auch mit fundiert recherchierten, umfangreichen, Artikeln zu bestimmten Themen punkten. Diese Artikel dürfen auch gerne von der persönlichen Meinung des Autors geprägt sein, solange er sie nicht als allgemeingültig verkaufen will. Journalisten sind auch Menschen und keine Textproduktionsmaschinen.
Dabei braucht es für mich gar keine Einbindung von Videos, wie öfters schon gefordert wurde. Eine ordentliche Verlinkung auf Quellen und weiterführende Informationen reicht mir. Dann kann ich selber entscheiden, ob ich beispielsweise mein Datenkontignent auf dem Smartphone mit einem Videodownload belasten will oder lieber erst zuhause per WLAN darauf zugreife.
Leider beschränkt sich der Lokaljournalismus hier meistens auf das Abdrucken der letzten Fußballergebnisse in der Kreisliga oder die Vermeldung des neuesten Schützenkönigs.

Ich will einen unredigierten Bereich für jedermann!
Eine Lokalzeitung, vor allem eine individualisierbare „Digitale“, sollte den Bewohnern ihres Einzugbereiches eine Möglichkeit bieten, Meinung zu äußern und Themen zu verbreiten, ohne das ein Redakteur dazwischen sitzt. Es sollte muss nur sicher gestellt werden, daß keine strafrechtlich relevanten Äußerungen publiziert werden.
Ein solcher Bereich muss auch eine Möglichkeit bieten, unkompliziert Veranstaltungstermine einzutragen, so daß jeder auf sein Event aufmerksam machen kann.
Außerdem böte sich hier für die Redaktion eine gute Möglichkeit, nach den nächsten Themen für Artikel zu fischen. Das, was Leute dazu motiviert einen eigenen Artikel hoch zu laden, brennt ihnen offensichtlich unter den Nägeln. Es lohnt sich also höchstwahrscheinlich, sich mit diesem Thema näher zu befassen.

Digitale02Ich will keine Werbung!
Damit kommen wir zu den eher grundsätzlichen Forderungen, die weniger mit der inhaltlichen Ausrichtung zu tun haben.
Wenn ich für eine „Digitale“ bezahle, hat sie gefälligst werbefrei zu sein. Punkt! Keine Diskussion!
Dafür bin ich bereit mehr zu bezahlen. Ich finde es auch völlig legitim, wenn sich Onlineangebote hinter eine Paywall zurückziehen. Was mir da viel mehr auf den Sack geht mich da wesentlich mehr stört, ist das Gejammer derer, die dazu zu feige sind.
Das ewige Genörgel „Schalt doch für uns deinen Werbeblocker ab. Blababla“ zeigt doch nur ein grundsätzliches Problem von Zeitungen und Zeitschriften.
Sie haben sich zu nützlichen Idioten der Werbeindustrie erziehen lassen. Sie verkaufen nicht mehr das Produkt, mit dem sie immer renommieren gehen; Journalismus. Sie verkaufen lediglich ein Vehikel mit dem Werbung an den Kunden gebracht werden soll und das meist unter dem Vorwand der Kundeninformation.
Immer mehr Menschen empfinden das als lästig (zumindest in meiner Umgebung)und blockieren Werbung. Damit gerät das Geschäftsmodell natürlich ins Schlingern.
Liefert mir Inhalte und ich bezahle dafür. So einfach ist das!

Ich will kein vorgefertigtes Gesamtpaket! Ich will nur für das bezahlen, was ich auch lese!
Die Zeitung in der bisherigen Form ist einfach überholt. Dabei ist es egal, ob ich es sich um eine Printausgabe oder eine „Digitale“ handelt.
Die Crux ist vielmehr, daß ich für ein Gesamtpaket bezahlen soll, von dem mich meist nur ein kleiner Teil wirklich interessiert. Ich bestelle ja auch kein Menü, wenn ich bloß Pommes mit Mayo essen will.
Ein journalistisches Onlineangebot braucht ein einfaches und flexibles System, mit dem ich für die Teile bezahlen kann, die ich (be)nutzen will. Dieses System sollte auf Artikelebene funktionieren.
Ich stelle mir da ein Konto vor, daß ich wie bei Flattr mit einem bestimmten Betrag auflade. Von dem wird dann jedes Mal abgebucht, wenn ich einen Artikel herunter lade. Eventuell könnte man sogar Flattr als Zahlungsmethode benutzen. Das zu beurteilen fehlen mir die technischen und juristischen Kenntnisse.

Wenn also Zeitungen und Zeitschriften tatsächlich für Leute wie mich gemacht werden, wie kommt es dann, daß es eines in meinem Haushalt nicht gibt? Zeitschriftenabonnements….
Wir lesen in meiner Familie jede Menge und geben einen Haufen Geld im Jahr für Bücher aus. Der Kindle ist voll, die Regale sind voll gestopft und Bücher stapeln sich neben dem Bett bis unter die Decke. In mehreren Stapeln…

Digitale03
Die Zeitschriften haben wir im Laufe der Jahre alle gekündigt, die Zeit, die TAZ, den Feinschmecker, Traditionell Bogenschießen, Modellfan und wie sie alle hießen,weil sie unseren Bedürfnissen nicht mehr entsprachen und nur den Altpapierstapel erhöht haben.
Ein gutes Beispiel für die mögliche Flexibilität, die man mit einer digitalen Zeitung erreichen könnte, liefert eine Diskussion in der „Traditionell Bogenschießen“ vor ein paar Jahren.
Kurz gefasst standen sich die Lager der historisch interessierten Schützen und der eher jagdlich sportlich ambitionierten traditionellen Schützen gegenüber und forderten jeweils, daß sich der Schwerpunkt der Zeitschrift mehr in ihr Interessengebiet verlagern sollte.
In einer digitalen Zeitschrift mit einfachem Micropaymentsystem habe ich das Problem nicht. Ich bediene einfach beide Interessengruppen. Jeder bezahlt ja nur für die Artikel, die er lesen will. Darüber hinaus erhalte ich auch noch belastbare Zahlen über das wirkliche Interesse an Themen.

Das sind, ziemlich wirr und unsortiert, so meine Gedanken zum Thema „Meine ideale Digitale“. Ein Teil davon hat schon mal an verschiedenen Stellen im Netz gestanden, z.B. als Kommentar zu diesem Artikel von Michael Stein.
Ob so eine Digitalzeitung umsetzbar ist und sich finanziell tragen würde, weiß ich nicht. Mir fehlt sowieso der Glaube an echten Innovationswillen in diesem Bereich. Aber man wird sehen – oder auch nicht.

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3 Kommentare zu Meine ideale Digitale

  1. twitter_steadynews sagt:

    Danke danke danke!! Ich bin überzeugt davon dass unsere ganzen „Ich will!“’s dazu beitragen, dass sich tatsächlich die Ideale Digitale realisiert. Und was mir bisher klar geworden ist: Journalismus fängt im Lokalen an, denn die Welt besteht aus Menschen – und diese Menschen sind in ihrer Umgebung aktiv. Aus dem Lokalen filtert sich das Regionale – aus dem Regionalen das landes- europa- weltweite. Ist doch eigentlich auch logisch! Das ist der Kontrapunkt zur Macht der Nachrichtenagenturen, die die Inhalte ausspucken und vorgeben (wollen). Guck mal was ich heute gefunden habe: http://gutjahr.biz/2013/11/google-news/ Finde ich sehr inspirierend, wir warten jetzt bis Ende November – und dann gucken wir mal aufs Ergebnis der Blogparade – und ich überlege mit Michael Stein zusammen den nächsten Schritt…

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