Vorbemerkung
Hierbei handelt es sich um einen älteren Text, der auch schon mal in der Zeitschrift “Traditionell Bogenschießen” abgedruckt wurde. Inzwischen habe ich einige Dutzend Bögen gebaut und würde das Ein- oder Andere anders machen. Ich finde es aber nach wie vor wichtig, auch mal über Fehlschläge zu berichten und damit Anderen Mut zu machen, auch ihre Erfahrungen mitzuteilen.
Los geht’s
Um es direkt und ganz klar vorneweg zu sagen: Dies soll kein „HowTo…“ werden. Es ist vielmehr als eine Art Werkstattbericht gedacht.
Ich beschreibe ganz einfach, wie ich vorgegangen bin und erzähle, was am Ende dabei herauskam.
Ich weiß auch nicht, woran es liegt, aber wenn ich mal wieder einen Versuch starte mir einen Selfbow zu bauen, dann lande ich immer wieder bei Wildkirsche.
Dabei ist es nicht so, dass ich ein besonders erfahrener Bogenbauer wäre, den die
Herausforderung reizt.
Das Gegenteil ist viel mehr der Fall; ich habe bis jetzt erst 4 Bögen gebaut, von denen lediglich ein Flatbow aus Eschebohle noch lebt.
Aber von diesen 4 Bögen waren 2 Selfbows aus Wildkirsche.
Daher ist es irgendwie nicht verwunderlich, dass ich, als mich wieder mal der Wunsch überkam, einen neuen Versuch zu machen, wieder an einem Spaltling aus Wildkirsche hängen blieb. Und es war wieder ein Stave mit Fehlern und Knorren, verdreht und mit Astlöchern. .
Jürgen, in dessen Kellerwerkstatt all das stattfand, rollte schon wieder verzweifelt die Augen.
Der Rohling war 173cm lang und maximal 6cm breit. Das ließ mir nicht allzu viel Spielraum für Experimente.

Der grob bearbeitete Rohling
Da mir meine beiden vorigen Rohlinge entweder bei den ersten Schüssen oder schon auf dem Tillerbrett gebrochen waren, wollte ich es diesmal mit einem Backing aus Rohhaut versuchen.
Davon versprach ich mir einen Schutz vor einem Bruch durch Spanabhebung am Rücken.
Gleichzeitig wollte ich durch die Wahl des Materials vermeiden, dass die Wildkirsche durch ein zu starkes Backing überbeansprucht wird und sich mit Stauchrissen rächt.
Als Erstes habe ich den Rohling mittel eines stumpfen Ziehmessers und einer Ziehlinge entrindet und von der, unter der Rinde liegenden, dunklen Bastschicht befreit.
Dabei ist es wichtig, dass das Ziehmesser tatsächlich einigermaßen stumpf ist, damit man nicht aus Versehen in den ersten Jahresring schneidet.

Eine der hübschen Fehlerstellen
Dasselbe gilt für die Ziehklinge, mit der ich eventuell anhaftenden Bast abgezogen habe.
Anschließende habe ich den Rohling mit einer, diesmal scharfen, Axt, abgesehen vom geplanten Griffbereich, auf etwa 2cm Stärke abgearbeitet.
Beim nächsten Mal werde ich für diesen Arbeitsschritt allerdings einen Dexel (Querbeil) verwenden. Das mit lässt sich wesentlich angenehmer und handgelenkschonender arbeiten.
Es hatte etwas ausgesprochen Befriedigendes die Späne fliegen zu lassen und zu sehen, wie mit jedem Schlag der Bogen mehr Gestalt annahm.
Nachdem diese Grobarbeit erledigt war, habe ich die geplante Bogenform mit Bleistift auf dem Rücken aufgezeichnet und anschließend mit dem Ziehmesser ausgearbeitet.Danach habe ich den Bogenbauch vorsichtig mit einem Ziehmesser geglättet.Hier zeigte sich direkt ein großes Problem bei der Bearbeitung dieses Holzes mit dem Ziehmesser. Man hat sehr, sehr schnell einen dicken Span gerissen, weil das Messer sich gelegentlich unerwartet tief in das Holz frisst und es dann sehr schwierig ist, das zu korrigieren.
So bearbeitet bog sich der Rohling beim Bodentiller schon ganz anständig.
Damit waren die Vorarbeiten erstmal beendet.
Jetzt ging es an das Auflegen der Rohhaut.
Da ich den „Charakter“ des Bogens möglichst erhalten wollte, habe ich darauf verzichtet, den
Rücken plan zu hobeln.
Ich wollte die Rohhaut über sämtliche Knubbel und Knorren drüberkleben und so den gewachsenen Rücken damit abdecken.
Dazu hatte ich mir zwei Streifen Rohhaut geschnitten, die im Griffbereich überlappen sollten.
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Stave und Rohhaut
Diese wurden einige Zeit in heißem Wasser eingeweicht.
In der Zwischenzeit wurden der Bogenrücken und die Seiten mit Propellerleim von Bindan eingestrichen.
Die eingeweichten Rohhautstreifen wurden leicht ausgedrückt, ebenfalls mit Leim eingepinselt und dann auf den Bogenrücken aufgelegt und mit ein paar Schnurwicklungen provisorisch befestigt — und damit kam es zur ersten „Katastrophe“.
Eigentlich hatte ich geplant, die Rohhaut mit ein paar Streifen Gummi auf den Rohling aufzuwickeln. Davon war ich aber wieder abgekommen, da ich befürchtete, dass der Leim unter der Gummischicht nicht ordentlich trocknen würde.
Die nächste Überlegung ging dann dahin, Mullbinden zum Festwickeln der Rohhaut zu verwenden. Diese wären luftdurchlässig und würden sich auch schön stramm wickeln lassen.
Aber wie das in fortgeschrittenem Alter so ist — ich hatte vergessen welche zu besorgen.
Ohne weiter darüber nachzudenken griff ich also zu dem Knäuel mit der Hanfschnur und begann den Bogen dicht an dicht damit zu umwickeln.

Umwickelter Stave
Als ich nach 10 Minuten angestrengten Wickelns die ersten 15 Zentimeter Bogen fertig umwickelt hatte ging mir endlich auf, was ich da vorhatte.
Aber jetzt konnte und wollte ich auch nicht mehr zurück.

Da kamen mir erste Bedenken...
Nach knapp 2 Stunden angestrengten Wickelns und Fluchens hatte ich den Bogen endlich komplett mit Schnur umwickelt und damit das Rohhautbacking sicher auf den Bogenrücken aufgepresst.
Natürlich war das nicht ohne Nachweichen und Nachleimen abgegangen.
So verpackt durfte der werdende Bogen dann ein paar Tage in der Werkstatt ruhen.
Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit die Blasen an meinen Fingern zu pflegen.
Außerdem meldeten sich erste Bedenken, dass es vielleicht keine so gute Idee gewesen sein könnte, Hanfschnur zu benutzen, da diese ja auch gut mit Weißleim zu kleben ist.
Würde ich die Schnur jemals wieder vernünftig abbekommen?
Glücklicherweise erwiesen sich alle Bedenken in dieser Hinsicht als überflüssig. Die Schnur ließ sich einfach abwickeln; lediglich an den Kanten der Rohhaut, wo etwas Leim ausgetreten war, blieben ein paar Fasern hängen.
Nun ging es an ’s Fertigtillern.
Dabei zeigte der Rohling schon beim ersten Aufspannen auf der Tillerwand seine ganze Bosheit.
Die Wurfarme bogen sie sich recht ungleichmäßig; der Linke war am Ende viel zu steif, der Rechte bog griffnah kaum. Außerdem waren sie leicht gegeneinander verdreht.
Trotz aller Bemühungen mit Ziehklinge, Flott und Schleifpapier ist es mir nicht gelungen, diese Fehler restlos auszumerzen.
Da aber zwischenzeitlich das Zuggewicht auf 27#@28“ gesunken war, beschloss ich, nicht mehr weiter am Tiller zu arbeiten.
Nach ein wenig Feinschliff mit 120er und 240 er Papier und feiner Stahlwolle erhielt der Bogen einen ersten Anstrich mit selbstgemischtem Lack (Kolophonium in Spiritus).
Insgesamt bekam der Bogen 5 Schichten Lack spendiert, von denen jede gründlich (2-3 Tage) durchtrocknen durfte und die vor jedem neuen Anstrich mit feiner Stahlwolle angeschliffen wurde. Der letzte Lackauftrag brauchte dann fast eine Woche, bis er wirklich durchgetrocknet war.

Detail des lackierten und geschliffenen Backings
Ganz zum Schluss wurde der Rohhautbelag an der Poliermaschine mit Bienenwachs aufpoliert und eine Griffwicklung aus Hanfschnur angebracht.
Die Sehne habe ich aus gewachstem Leinenzwirn (Schusterzwirn) gedreht, jeweils 5 Stränge
in hell und in schwarz, flämisch gespleißt mit Öhrchen an beiden Enden.
Fazit:
Mir hat die Arbeit an diem Bogen viel Freude gemacht, auch wenn das am Ende erreichte Zuggewicht nicht meinen Vorstellungen entspricht.
Für mich ist Wildkirsche immer noch einfach ein schönes Holz.

Mieser Tiller
Die Arbeit mit der Rohhaut hat sich als erstaunlich unproblematisch herausgestellt und ich werde sicher noch mehr Projekte mit diesem Werkstoff in Angriff nehmen; nicht nur Bögen, sondern vielleicht auch mal Messerscheiden oder einen Köcher.
Eine weitere Erkenntnis aus diesem Projekt, ist, dass es erstaunlich einfach ist, einen tauglichen und einfach zu verarbeitenden Lack selber herzustellen.
Der Kolophonium-Spiritus-Lack braucht keinerlei besondere Werkzeuge oder irgendwelche
Spezialkenntnisse. Ich habe einfach gemahlenes Kolophonium mit haushaltsüblichem Brennspiritus in einem alten Gurkenglas aufgegossen.
Dieses hatte ich in einem Topf warmen Wassers stehen, um die Lösung zu beschleunigen.
Als sich kein Kolophonium mehr gelöst hat, sondern es sich als Bodensatz absetzte, habe ich
einfach noch ein wenig Spiritus zugegeben, bis der Bodensatz sich wieder auflöste — Lack fertig.
Zum Schluss noch ein paar Maße meines Bogens:
Länge über Alles 1720mm
Länge Nockkerbe zu Nockkerbe 1680mm
Größte Wurfarmbreite 47mm unterer Wurfarm / 50mm oberer Wurfarm
Länge Griffstück 140mm
Dicke Griffstück 38mm
Breite Griffstück 40mm
Größte Dicke Wurfarm 16mm unterer Wurfarm / 15mm oberer Wurfarm
Dicke an den Tipps 8mm
Vielleicht werden durch diesen Bericht ja noch mehr Amateurbogenbauer ermuntert, uns über ihre Projekte zu berichten und zwar ohne Bedenken wegen Erfolg oder Misserfolg.